Ho-Seong Kim über Einsatz und Verzicht

Nach dem Studium in Heidelberg und Frankfurt und nach Stationen in der Wirtschaft ist an Ho-Seong Kim, zumindest auf dem Papier, kein offensichtlicher Gastronom verloren gegangen. Nichtsdestotrotz zeichnet er heutzutage gleich für zwei beliebte Adressen der Mainmetropole verantwortlich! Der Coolen Branche hat der sonst eher selten öffentlich auftretende Arbeitgeber einen Einblick in seine Gedanken zur eigenen Mitarbeiterführung gewährt.

Mit Verweis auf seine Eltern, ihres Zeichens erfahrene Restaurantbetreiber, gesteht Kim: „Gewissermaßen war ich schon immer in die Gastronomie involviert, wollte aber eigentlich nie dort landen“. Ein Plan, der in Anbetracht unseres Aufenthaltsortes eindeutig als gescheitert betrachtet werden muss: Er empfängt uns im sonamu l casual korean dining, das eine beliebte Anlaufstelle im Herzen von Frankfurt-Bornheim darstellt. Die roten Sitzgelegenheiten bieten Platz für etwa 45 Gäste, die sich im holz lastigen, leicht rustikalen Look für koreanische Köstlichkeiten begeistern lassen können.

Seit inzwischen neun Jahren wird im sonamu aufgetischt. „Leider sind Restaurants, die sich über eine Zeitdauer halten, bedauerlicherweise nicht allzu zahlreich“, gibt Kim zu bedenken. „Ich bin allerdings besonders dankbar und stolz darauf, einen Großteil der Zeit im sonamu mit meinen Eltern zusammengearbeitet zu haben“, spielt er abermals auf seine beiden Mitgründer an. Zumindest Kims Mutter ist weiterhin vor Ort aktiv – während unseres Interviews wäscht sie sorgfältig Champignons; ansonsten schmeckt sie ab, überprüft die Küche und die Qualität der tagesfrischen Ware und wird selbst von Mitarbeitern liebevoll „Mama“ genannt.

Der Vollständigkeit halber sei auch das GOKIO Bros. im Oeder Weg erwähnt, in dem Kim samt separatem Team vom koreanischen KFC-Boom der Achtziger inspirierte Korean-Fried-Chicken-Gerichte serviert. „Es handelt sich um zwei verschiedene Firmierungen. Wir verzahnen die Läden allerdings infrastrukturell, organisatorisch und kulturell; und auch im Zuge der Digitalisierung“, stellt Kim klar.

Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass ein bewiesener sonamu-Angestellter beste Chancen auf einen Nebenjob im GOKIO Bros. hat und vice versa– inklusive des gewichtigen Vorteils, dass alle Pläne aus einer Hand kommen. Dadurch wird gewährleistet, dass freie Tage unter der Woche trotz Doppelbelastung kein utopisches Ideal bleiben, sondern ein Grundsatz. Ein branchenspezifischer Luxus, den sich Kim speziell in seiner unternehmerischen Frühphase nicht eingeräumt hat…

„Wenn man sich in der Gastronomie selbstständig macht, sollte man die ersten zwei oder drei Jahre auf sein Privatleben verzichten. Teilweise habe ich hier im Laden geschlafen“, schildert er schonungslos und begründet die Notwendigkeit, eigene Bedürfnisse hinten anzustellen: „Es geht um Einsatz und Verzicht. Die Investitionskosten läppern sich, das Geschäft ist zu Beginn extrem volatil und wird mit allerhand Fragen und Problemen konfrontiert, die zu lösen sind, wenn man es richtig machen will. Außerdem geht man sich selbst und auch den Mitarbeitern gegenüber eine große Verpflichtung ein – du bist jetzt verantwortlich für deren Ein- und Auskommen!“

Kritisch beäugt er in diesem Zusammenhang vereinzelte Kollegen, die sich einerseits über die schwierige Rekrutierung von Personal beschweren und ihre Mitarbeiter andererseits ungeniert ausbrennen lassen, während sie selbst in hochwertigen Markenwagen vorfahren. „Unzufriedenheit hängt meist mit ungerechter Bezahlung zusammen. Sicherlich habe ich persönlich auch materielle Wünsche, aber alles muss in Ausgewogenheit funktionieren“, verdeutlicht Kim, der (noch) gar keinen Führerschein besitzt und den Weg zum sonamu meist per Fahrrad oder E-Roller zurücklegt.

„Natürlich kann ich nicht garantieren, dass der Lohn immer steigt, aber bei langgedienten Mitarbeitern sorge ich für adäquate Gehaltserhöhungen, ohne dass sie danach fragen müssen“, verrät der Fried-Chicken-Experte, der seinen Angestellten auch durch gelegentliche Goodies – etwa Monatstickets oder Gym-Mitgliedschaften – seine Wertschätzung vermittelt. „Mit Mitarbeitern steht und fällt ein Unternehmen; sie sind neben dem eigentlichen Produkt das A und O“, bekräftigt er und berichtet entsprechend erfreut: „Die Fluktuation im sonamu ist sehr gering, wenn man es mal mit anderen Adressen  der Branche vergleicht.“

So sehr monetäre Anreize auch zur Loyalität anregen, ist die menschliche Komponente keinesfalls zu unterschätzen. „Ich unterhalte mich regelmäßig mit den MitarbeiterInnen, führe perspektivische und auch mitunter persönliche und vertrauliche Gespräche und beobachte jeden“, versichert der Chef. In stressigen Zeiten sei es dennoch schon zu Phasen der Entfremdung gekommen. „Das ist nicht gut. Gleichzeitig muss man eine Restdistanz wahren, da sonst Selbstständigkeit und Autorität verloren gehen.“

Wie ernst es Kim mit der Eigenverantwortlichkeit seiner Angestellten meint, unterstreicht sein Umgang mit Team-Mitgliedern, die innerhalb der Branche größere Schritte ins Auge gefasst haben. „Wenn sich jemand beispielsweise fortbilden möchte, reden wir zunächst einmal darüber, wie ich diesen Plan unterstützen kann; auch finanziell. Ich beschwere mich nicht, dass mir diese Arbeitskraft dann 20 Stunden im Monat fehlt. Wenn Leute gehen wollen, gehen sie so oder so. Doch wenn ich sie unterstütze, tue ich nicht nur etwas für mein Karma – bisher war es meist so, dass ich dadurch mehr motivierte, gut gelaunte und besser ausgebildete Arbeitskräfte bekommen habe.“

Auch im Alltag achtet Kim darauf, seinem Personal den nötigen Raum zur Entfaltung zu geben. Mitarbeiter sind unmittelbare Repräsentanten des sonamu für ihn. „Man sieht mich kaum in der Öffentlichkeit. Ich mag es nicht, mit meiner durchschnitts Visage die Marke zu repräsentieren“, sagt er lächelnd und erklärt mit einem Blick durch die Räumlichkeiten: „Hier muss die Schlacht gewonnen werden, hier wird der Laden am Tisch vertreten. Wenn Mitarbeiter anfangen, mit den Gästen zu scherzen und teilweise echte Bindungen entstehen, sind sie wirklich angekommen – dann überlasse ich ihnen gerne ihre Freiheiten, ihre Individualität, ihre Einzigartigkeit.“