Zusatzqualifikation: Im Gespräch mit den Referent:innen
Two in one: Die Zusatzqualifikationen für die gastgewerblichen Ausbildungsberufe ermöglichen Auszubildenden zwei Abschlüsse in zwei Jahren und machen sie praxisorientiert und innovativ fit für die Zukunft. Sie bieten damit eine sinnvolle Alternative zum Studium. Mit einigen Absolvent:innen haben wir bereits gesprochen (Interview hier) – Zeit, einmal die Perspektive der Referent:innen kennenzulernen. Diese engagieren sich ehrenamtlich und mit viel Leidenschaft für die Auszubildenden. Wir haben einige von ihnen sowie die Projektkoordinatorin Sibyll Nell getroffen.
Was ist die ZQ?
Die Zusatzqualifikationen sind eine gute Ergänzung zur Ausbildung und Alternative zum Studium für leistungsstarke Auszubildende mit Abitur. Hier erhalten Azubis zwei IHK-Abschlüsse in nur zwei Jahren. Azubis mit anderen Schulabschlüssen können bei Eignung nach dem 1. Ausbildungsjahr in die Zusatzqualifikationen einsteigen. Die ZQs bieten zusätzliche Inhalte, die nicht in der Ausbildungsordnung eines Berufes vorgeschrieben sind und separat zertifiziert werden. Aktuell möglich sind die Zusatzqualifikation BWL in Hotellerie und Gastronomie sowie die Zusatzqualifikation Küchenmanagement. Beide bieten unter anderem eine Vertiefung von betriebswirtschaftlichen Themen. Ein weiterer Weg an einer Hotelfachschule, ein Meister oder ein Studium sind im Anschluss immer möglich.
Wie funktioniert die ZQ?
Innerhalb der 2-jährigen Zusatzqualifikation erstellen die Auszubildenden im Rahmen des erweiterten Berufsschulunterrichts anhand eines realen Objektes ein Betriebskonzept. Dazu erhalten sie im ersten Ausbildungsjahr grundlegende Informationen von erfahrenen Wirtschaftsexpert:innen. Im zweiten Ausbildungsjahr steht dann die Erstellung der Präsentation des Betriebskonzeptes an. Hochrangige Referent:innen aus Gastronomie, Marketing und städtischen Institutionen erzählen von ihren Erfahrungen und teilen ihr Branchenwissen.
Foto: Sibyll Nell, © Anna Voelske
3 Fragen an…
…Sibyll Nell, Lehr- und Projektkoordinatorin Zusatzqualifikation
1. Warum sollten Auszubildende die Zusatzqualifikation absolvieren?
Ich halte die Kombination aus klassischer Ausbildung und Management-Zusatzqualifikation für den perfekten Mittelweg zwischen praxisbezogener Lehre und Studium, da es hier nicht um trockene Theorie wie im Studium oder um reine Praxis ohne den großen Überblick geht, sondern beides verzahnt wird. Lernen mit direktem Praxisbezug, Hands-on-Erfahrung und einem Fundament in Betriebswirtschaft und Management. Das gibt den Absolvent:innen eine gute Basis, um selbstbewusst und gut vorbereitet in die Berufswelt zu starten. Es vermittelt das Wissen, das sie brauchen, um nicht nur mitzuarbeiten, sondern auch mitzugestalten, und schafft somit einen echten Mehrwert für ihre berufliche Zukunft. Und das Besondere aus meiner Sicht ist, dass man nach dieser Ausbildung im Gastgewerbe auf der ganzen Welt arbeiten kann. Anstelle eines Auslandsjahrs nach der Schulzeit, das in aller Regel je nach Reiseziel hohe Kosten verursacht, bietet es die Möglichkeit, internationale Erfahrungen zu sammeln, Sprachkenntnisse zu verbessern, persönlich zu wachsen und dabei finanziell gut aufgestellt und vor Ort sozial eingebunden zu sein.
2. Worauf müssen sich Auszubildende bei der Zusatzqualifikation einstellen?
Es wird anspruchsvoll und damit herausfordernd. Neben der Arbeit im Ausbildungsbetrieb müssen deutlich mehr fachliche Inhalte in zusätzlichen Fächern erlernt werden. Das bedeutet, sich mit Themen wie Finanzierung, Marketing oder Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, ein realistisches Betriebskonzept zu entwickeln und das alles in einem straffen Zeitplan. Dabei sind die Highlights der Austausch mit Branchenexpert:innen, die nicht nur ihr Wissen, sondern auch ihre eigenen Geschichten und Erfahrungen teilen und bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite stehen. Außerdem bietet es die Möglichkeit, kreativ zu sein, eigene Ideen umzusetzen und ein Teil einer starken Gemeinschaft zu werden.
3. Warum liegt Ihnen die Arbeit als Koordinatorin der Zusatzqualifikationen des DEHOGA Hessen am Herzen?
Weil ich jedes Jahr aufs Neue davon begeistert bin, welch tolle Menschen die Betriebe gewinnen, um die nächste Generation für das Gastgewerbe stark zu machen. Mir liegen die Branche und diese jungen motivierten Menschen einfach am Herzen. Jeder Auszubildende, den wir begleiten, hat Träume, Ideen und das Potenzial, Großes zu erreichen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen den Rahmen zu geben, in dem sie wachsen können. Dabei geht es nicht nur um Noten oder Abschlüsse, sondern darum, jungen Menschen zu zeigen, wie sie ein gutes Fundament für ihre Zukunft schaffen. Wenn ich sehe, wie Auszubildende selbstbewusst ihre Betriebskonzepte präsentieren oder wie sie nach der Ausbildung direkt in verantwortungsvolle Positionen einsteigen, dann bin ich immer wieder aufs Neue begeistert.
Foto: Markus Seemann, © Harald Eisenberger
…Markus Seemann, Referent Revenue- und Yieldmanagement, freier Berater DEHOGA Akademie Baden-Württemberg
1. Warum engagieren Sie sich als Referent bei den Zusatzqualifikationen?
Ich finde es unglaublich wichtig, Wissen praxisnah zu vermitteln. Wir behandeln alltagsbezogene Inhalte, die oftmals später in Betriebsberatungen Thema sind. Wir möchten genau diese Themen mit den Auszubildenden schon jetzt angehen und das entsprechende Rüstzeug für die Realität vermitteln. Ich selbst habe eine Zusatzqualifikation absolviert. Was ich dort gelernt habe, war extrem relevant für meine Zukunft.
2. Warum sollten Auszubildende die Zusatzqualifikation absolvieren?
Es ist eine gute Alternative zum Studium – und gegebenenfalls kann man ein Studium auch noch nachholen. Es kann jedoch hilfreich sein, erst etwas Praktisches zu machen und dann die Theorie zu lernen. Man schafft eine Lebensgrundlage, fordert sich heraus und erlernt ein Handwerk. Außerdem ist es ein ganz klarer Wettbewerbsvorteil im Vergleich zu anderen Auszubildenden.
3. Welchen Rat würden Sie Auszubildenden mitgeben?
Mach’ es mit Herzblut oder lass’ es bleiben. Denn es sind tatsächlich Blut, Schweiß und Tränen. Wenn man keinen Spaß an dem Beruf hat, ist er sehr hart. Man ist auch nur dann wirklich richtig gut, wenn man in seinem Traumberuf arbeitet und das Ganze mit Überzeugung macht.
Foto: Felix Bröcker, © Sebastian Heindorff
…Felix Bröcker, Referent Trends und Küchenkunstgeschichte, Koch, gastronomischer Berater und Wissenschaftler Max Rubner-Institut
1. Warum engagieren Sie sich als Referent bei den Zusatzqualifikationen?
Weil mir das Thema Ausbildung sehr wichtig ist und ich überzeugt bin, dass eine kunsthistorische Perspektive auf Gastronomie und Küchenstile, in Zeiten von Social Media, helfen kann Anrichteweisen kritisch einzuordnen. Das trägt auch dazu bei, einen eigenen Stil zu entwickeln, anstatt Trends, ohne nachzudenken, zu übernehmen.
2. Warum sollten Auszubildende die Zusatzqualifikation absolvieren?
Weil sie Zugang zu engagierten Akteuren der Gastronomie erhalten, die ihre Themen mit viel Leidenschaft vertreten. Neben spannenden Einblicken bietet die Zusatzqualifikation ein sehr gutes Netzwerk. Nicht zuletzt wird in nur zwei Jahren mehr vermittelt als in einer klassischen Ausbildung.
3. Worauf müssen sich Auszubildende bei der Zusatzqualifikation einstellen (Herausforderungen, Highlights)?
Der Anspruch ist vielleicht etwas höher und man setzt sich mit Themen auseinander, die nicht standardmäßig im Rahmen einer Ausbildung verhandelt werden. Das ermöglicht es, schon in der Ausbildung viele Perspektiven kennenzulernen, viel mitzunehmen und Gastronomie weiterzudenken.
Foto: Mirco Hecker, © Omid Mostofi
…Mirco Hecker, Referent Marketing und Social Media, Business Director Social Media DACH bei Cheil Germany
1. Warum engagieren Sie sich als Referent bei den Zusatzqualifikationen?
Das Ziel der Zusatzqualifikation der DEHOGA ist es ja, die Ausbildung in der Gastronomie und Hotellerie aufzuwerten, um sie attraktiver für Schulabgänger zu machen. In einer Stadt wie Frankfurt, die stark vom Tourismus, von Messen und Geschäftsreisen profitiert, sind qualifizierte Fachkräfte in diesem Bereich außerordentlich wichtig. Ich habe in meiner bisherigen Berufslaufbahn immer viel von Menschen mit Erfahrung lernen dürfen. Jetzt, wo ich selber bereits über 20 Jahre im Job bin, freue ich mich einfach, wenn ich etwas von meiner Erfahrung weitergeben und der nächsten Generation damit ein bisschen unter die Arme greifen kann.
2. Warum sollten Auszubildende die Zusatzqualifikation absolvieren?
Um ein Zitat aus der Gastronomie zu verwenden: Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein – und schlechte Jobs! Wer die besten Jobs ergattern will, muss Leistungsbereitschaft zeigen und sich qualifiziert von den Mitbewerber:innen abheben. Beides ist mit der Zusatzqualifikation der DEHOGA möglich. 1. Das zeitliche Commitment der Auszubildenden zeigt, dass sie jederzeit bereit sind, die berühmte Extrameile zu gehen. 2. Die Dozierenden sind alle exzellente Praktiker, von deren Wissen man einfach profitieren kann. Außerdem – das als kleiner Geheimtipp: Mit den Dozierenden startet man direkt mit dem bestmöglichen Netzwerk ins Berufsleben. Das sollten die Auszubildenden aktiv nutzen, denn egal in welchem Job: Ein starkes Netzwerk hat noch nie geschadet.
3. Welchen Rat würden Sie Auszubildenden mitgeben?
Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Bleibt also wach und neugierig. Verfolgt die Trends in eurer Branche und überlegt, was das für euren Job und euer Business bedeutet. Und das fortwährend. Habt also keine Angst vor Veränderung, denn die kommt eh. Die Zeit steht nämlich nicht still, oder wie es einer meiner letzten Chefs formuliert hat: “There is no finish line.”
Wer steckt hinter der Zusatzqualifikation?
Das Pilotprojekt der 2-jährigen Ausbildung mit trendweisenden Zusatzqualifikationen wurde 2019 gemeinsam vom Hotel- und Gastronomieverband DEHOGA Hessen, der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main, dem Staatlichen Schulamt Frankfurt am Main, der Bergiusschule Frankfurt, der Frankfurt Hotel Alliance und der Initiative Gastronomie Frankfurt ins Leben gerufen. Unterstützt und ermöglicht wird dieses zukunftsorientierte Konzept durch das Hessische Kultusministerium sowie von Partnern aus der Wirtschaft und von den Ausbildungsbetrieben selbst.